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12. Ausgabe - Zeit(ung) für Kinder

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Erscheinungsdatum: 12/2016

WISSENSWERT:

WISSENSWERT: ERZÄHLFÄHIGKEIT Die Entwicklung der Erzählfähigkeit ist eng mit dem Spracherwerb verbunden und davon abhängig. Schelten-Cornisch beschreibt die Entwicklung der Erzählfähigkeit wie folgt: Zunächst existiert eine sogenannte Vorstufe ab circa zwei Jahren. Ein Thema der Erzählung ist erkennbar, dabei werden Zwei- und Dreiwortsätze verwendet. Beispiel: „Papa Auto kaputt.“ oder „Teddy krank.„ In der ersten Stufe zwischen circa zwei und drei Jahren benennen und beschreiben Kinder Geschehnisse, dabei werden sprachliche Elemente unverbunden aneinandergereiht. Der Wortschatzspurt bedingt den Einsatz vieler neu erlernter Wörter, ohne dass ein zentrales Thema erkennbar ist. Beispiel: „Da bauen sie ein Haus. Da legen sie Dächer rauf. Fenster... Türen ... Holz malen. Ein Mädchen, ein Jägerstand. Ich klettere immer hoch.“ In der zweiten Stufe zwischen drei und vier Jahren ist ein zentrales Thema erkennbar. Dazu sind einzelne Geschichtenteile enthalten, jedoch noch ohne klare Weiterentwicklung. Beispiel: „Heute war ich im Auto mit Mama. Wir sind ins Geschäft gegangen. Dann haben wir Eis gekauft. Dann sind wir in die Bank gegangen.“ Zwischen fünf und sieben Jahre sind drei weitere Entwicklungsstufen zu verzeichnen: In der dritten Stufe können kurze, aber vollständige Geschichten mit verursachendem Geschehen (kann Problem sein), Lösungsversuch und Ergebnis, also einer logischen Weiterentwicklung, entstehen. Meist kommen Nebensätze mit Konjunktionen wie „weil, dass, bis“ usw. zum Einsatz. Beispiel: „Georgs Katze konnte aus einem großen Ahornbaum nicht runter, weil der so hoch war. Sein Vater holte eine Leiter. Er kletterte hoch und holte die Katze.“ In einer vierten Stufe kommen zusätzliche Teile und weitere Ausschmückungen dazu. Auch ist es den Kindern möglich, innere Pläne oder interne Reaktionen der Protagonisten zu nennen. Beispiel: „Sie hatte ganz viel Angst.“ In der fünften Stufe wird ein weiterer zusätzlicher Teil der Geschichte als logische Folge hinzugefügt. Beispiel: „Jetzt muss sie immer im Haus bleiben.“ Ab dem Grundschulalter können sechs Geschichtenteile und mehr entwickelt werden. Beispielsweise die Einleitung: „Gestern war Georg im Garten.“ Auf allen Ebenden des Spracherwerbes können die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder durch das Erzählen und das Zuhören erweitert werden. Es hört einen oftmals viel variableren Wortschatz als in der alltäglichen Umgangssprache. Das Kind wird somit einer Vielfalt von Worten und Begriffen, die sich manchmal nur durch einen geringen Grad in ihrer Bedeutung unterscheiden, ausgesetzt. Wenn Kinder selbst erzählen, können sie diese Vielfalt an Worten einsetzten, dabei ist es gleich, ob es sich beim Erzählen um Beobachtungen von Ereignissen, eigenem Erlebten oder Fantasiegeschichten handelt. Je öfter Kinder Erzählungen hören und das zu unterschiedlichen Themen, desto abwechslungsreicher wird der passive Wortschatz des Kindes. Bei eigener Anwendung erhöht sich der aktive Wortschatz. Im Spracherwerbsalter bis fünf Jahre kommt der Grammatik eine entscheidende Rolle zu. Beim Erzählen können Kinder vor allem die Konjugation von Verben, da oft die Vergangenheit benutzt wird, üben. Auch die Steigerung von Adjektiven, Benutzung von Präpositionen wird bei Beschreibungen von Dingen und Handlungsabläufen gefordert. Hierbei ist es wichtig, dass Pädagogen eine dialogische Haltung zum Kind einnehmen und während des Erzählens aktiv zuhören. Aktives Zuhören meint in diesem Kontext eine sprachfördernde Gesprächsführung. Dazu gehört das Nachfragen, um nähere Ausführungen anzuregen oder das Wiederholen von Inhalten mit den richtigen grammatikalischen Formen. Aber auch Erzählpausen zulassen und Zeit zum Überlegen geben. Aus kommunikativer Sicht lernt das Kind Blickkontakt zu halten und mit entsprechender Mimik und Gestik seine Erzählung zu unterstützen. Kognitiv hoch anspruchsvoll ist es für Kinder, eigene Geschichten zu erfinden. Dies muss durch die Pädagogen strukturiert und unterstützt werden. Vor allem im letzten Kindergartenjahr und in der Grundschulzeit ist die Förderung der Erzählkompetenz ein wichtiges Bildungsziel. Dabei werden nicht nur sprachliche Fähigkeiten trainiert, sondern kognitive Fähigkeiten, wie das Erkennen logischer Zusammenhänge, das Analysieren von Ereignissen oder Konflikten, das Problemlösen und Schlussfolgern, aber auch das Einnehmen von Perspektiven auch innere Perspektiven der Protagonisten. Verbunden mit der Lese- und Schreibfähigkeit der Kinder im Grundschulalter können Kinder nun auch selbst Geschichten lesen, was die Fähigkeit des Geschichtenerzählens und -schreibens enorm unterstützt. Nicole Blana 8

PRAXISNAH: ZEIT FÜRS ERZÄHLEN Wenn ich zum vierten Mal in der gleichen Klasse bin – mein Beruf ist der einer Geschichtenanzettlerin – und anfange: „Ihr wisst ja, Geschichten sind...“ und dazu eine Geste des ‚Kind-im- Arm-Wiegens‘ mache, dann sagen die Kinder: „Ja, Geschichten sind wie Babys.“ Dann sage ich: „Sie sind am Anfang ganz klein und nackt,...“ und dann sagen die Kinder: „...und wir müssen sie anziehen und füttern.“ Und dann erfinden wir, sammeln die schönsten Ideen, verwerfen Unlogisches (auch Geschichten haben eine innere Logik) und vor allem... erzählen. Ob nun tradierte Geschichten erzählt werden, Autobiographisches, Geschichten aus dem Alltag, Narbengeschichten oder ganz frei erfundene – die Geschichten brauchen uns! Uns alle. Denn beim Geschichtenerzählen sind Erzählende und Zuhörende eine Gemeinschaft. Ohne die Zuhörenden, die mit ihren Augen, Ohren, Einwürfen, mit ihrer ganzen Körperhaltung dabei sind, gäbe es das mündliche Erzählen nicht. Die Zuhörenden sind Mitgestalter in diesem Prozess, der immer wieder aufregend und neu ist. In Freiburg gibt es das Langzeitprojekt EZW (Erzählen – Zuhören – Weitererzählen). Neben den wöchentlichen Erzählzeiten von professionellen Erzählern ist es ein Anliegen, dass Kindertagesstätten und Schulen Orte werden soll, an denen von den Erziehern und Lehrkräften selbst regelmäßig und selbstverständlich erzählt wird, und an denen auch Kinder Geschichten erzählen lernen. Deshalb gibt es für all diejenigen Lehrkräfte, deren Gruppen oder Klassen am EZW teilnehmen, bindende Fortbildungen. Alle Pädagogen wissen, wie gebannt die Schüler lauschen, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Und wie oft die Frage kommt: „Kannst du nochmal die Geschichte erzählen, als du...“ Das Geschichtenerzählen verbindet auf ganz besondere Weise. In einer schnelllebigen und von Multimedialität geprägten Zeit schafft es einen Ort, an dem für kurze Zeit die Zeit nicht die Hauptrolle spielt. Erzählen ist nicht nur Vermittlung über das Wort. „Der hat total gewackelt“ – Ein Kind der ersten Klasse erzählt vom Wackelzahn. Es ist eine leibhaftige Kunst, bei der der ganze Körper „mitredet“. Wir haben in Freiburg für die vielen Neuangekommenen auch eine Form des Erzählens entwickelt, bei der Deutsche und nichtdeutsche Muttersprachler eine Geschichte gemeinsam erzählen, die nicht übersetzt wird, sondern abwechselnd in jeweils zwei Sprachen weitererzählt wird. Hier werden Gestik und Mimik explizit eingesetzt. „Und ich sag euch, der war sooo stark!“ – Nikola Hübsch erzählt für Kinder einer ersten Klasse. Warum erzählen? Mündliches Erzählen ist Voraussetzung für das geschriebene Wort, denn alles, was wir niederschreiben, müssen wir im Kopf vorher gedacht haben. Erzählen ist deshalb die Brücke zum geschriebenen Wort. Und sollte seinen festen Platz in Kita und Schule haben. Denn nur eine feste Struktur mit festen Erzählzeiten ermöglicht den Kindern, eigene Fantasiebilder zu entwickeln, diese wandern zu lassen, innere Bilder in Sprache umzusetzen und dann ihre eigenen Geschichten präsentieren. Es macht großen Spaß, mit Kindern Geschichten zu entwickeln, denn auch das Unmögliche kann beim Erzählen möglich werden. Es braucht Geduld und... Zeit. Und ist es nicht das, was Kindern heute oft fehlt? Oder Ihnen, als Großeltern, Eltern, als Betreuern, Pädagogen? Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit. Hören Sie aktiv zu, was Ihre Kinder Ihnen erzählen. Dazu kann das Handy ruhig mal weggelegt werden. Denn Nachfragen ist wichtig und vor allem Blickkontakt. Seien Sie neugierig und ganz dabei! Und erzählen Sie den Kindern Geschichten von früher, von heute, von damals. Sie werden staunen, was die Geschichte so alles mit Ihnen und den Kindern macht, wenn Sie sie angezettelt haben. Insofern geht es Erzählenden hier gerade ähnlich wie den Hebammen, denn Geschichten sind wie Babys. Erst sind sie klein und nackt und wir müssen – nein wollen! – sie anziehen und füttern. Nur so können wir erfahren, wie fruchtbar das Erzählen ist und was es bewirkt. NIKOLA HÜBSCH professionelle Erzählerin, Schauspielerin, Theaterpädagogin, Dozentin Adresse: Lindenmattenstraße 33 • 79117 Freiburg E-Mail: mail@nikolahuebsch.com 9

Jugend / Bildung