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5. Ausgabe - Zeit(ung) für Kinder

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Erscheinungsdatum: 06/2012

Kindertagesstätte „Spatzennest“ Hören will gelernt sein In unserem Kinderhaus legen wir auf bewusstes Hören mit unterschiedlichen Schwerpunkten großen Wert. Nach unserem Konzept der Montessori-Pädagogik stehen den Kindern im Bereich der Sinnesschulung verschiedene Entwicklungsmaterialien zur Verfügung, mit denen das Hören von Lautstärken und Tonhöhen separat geübt werden kann. Sie lernen, gleiche und unterschiedliche Klänge zu differenzieren und auch Abstufungen von laut nach leise oder von tief nach hoch herzustellen. Nach der Vermittlung von Namen und Bezeichnungen können sie diese Kenntnisse dann in ihrer Umwelt anwenden. Damit bekommen die Materialien die Funktion eines „Schlüssels zur Welt“ (vgl. Montessori, Freiburg 2005, S. 163). Für den Umgang mit solchen Materialien braucht das Kind eine entspannte und harmonische Atmosphäre mit einem Geräuschpegel, der solche Übungen auch zulässt und eine wichtige Lernvoraussetzung darstellt. Unsere Kinder sollen ein Gespür entwickeln für eine Wohlfühlatmosphäre in der Gruppe. Diesem Zweck dient unter anderem ein „Leisegong“, ein Windspiel in Kinderhöhe greifbar. Damit können Kinder und Erwachsene signalisieren, dass es ihnen zu laut ist. Auch andere akustische Signale wie die Klangschale dienen in unseren Gruppen dazu, den Tag kindgerecht zu strukturieren und laute Ansprachen der gesamten Gruppe zu vermeiden. Kurzzeitig war auch eine Lärmampel, verliehen vom Gesundheitsamt, in Betrieb, die besonders für die Sensibilisierung von Eltern sehr förderlich war. Ein weiterer Schwerpunkt in unserer pädagogischen Arbeit ist die Herausbildung einer phonologischen Bewusstheit. Die Montessori-Pädagogik bietet dafür vielfältigste Möglichkeiten: durch das bewusste Vorbild des Pädagogen ebenso wie über Materialien vor allem zum Hören, Lautieren und Reimen, die als Gruppenspiele oder in Einzelarbeit genutzt werden. In mehreren Abstraktionsstufen, von Gegenständen über Fotos und Bilder, erkunden damit besonders die 5- und 6-jährigen Kinder Laute am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes. Die Verbindung zwischen Laut und entsprechendem Buchstaben erfahren unsere Kinder über Hör-, Seh- und Tastsinn. Diese Kenntnisse werden sowohl in der alltäglichen Arbeit in den altersgemischten Gruppen als auch in verschiedensten Projekten für die Vorschulkinder zur gezielten Schulvorbereitung durch die Pädagogen genutzt und ausgebaut. Literatur: Maria Montessori: Das kreative Kind. Herder Verlag, Freiburg 2005, 16. Auflage. Das Hören ist für die Gesamtentwicklung eines Kindes entscheidend. Es beeinflusst die Sprachfähigkeit, die Bildung, das Verhalten und das körperliche Wohlempfinden. Mit der Geburt beginnt sich das Hören zu entwickeln. Für ein gesundes Heranwachsen ist diesem Prozess die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Unbestritten ist, dass bis zum Beginn des 6. Lebensjahres jedes Kind zu einem gut funktionierenden Gehörsinn geführt werden kann. Auch eine frühzeitig, etwa bis zum 4. Lebensjahr erkannte Schwerhörigkeit kann in vielen Fällen erfolgreich beeinflusst werden. Das Erlernen der Sprache erfolgt nur über ein intaktes Gehör. Diese Form der Wahrnehmung muss vom 1. Lebenstag an geübt werden. Das Gehirn soll die Befähigung erhalten, das Gehörte richtig zu bearbeiten, um es zu verstehen. In der frühen Kindheit beginnen sich die Sprache und andere typisch menschliche Fähigkeiten zu entwickeln, wenn die Umwelt die entsprechenden Anreize und Vorbilder bietet. Dieser Zeitpunkt darf nicht vernachlässigt werden. Versäumnisse können später nicht nachgeholt werden. Die Fähigkeit, Töne zu hören, nachzusingen oder nachzuspielen, bedarf einer präzisen Koppelung von Gehör, Gehirn und Stimme. Frühes Üben sichtet nachhaltige Erfolge. Unser Gehör ist in der Lage, Gehörtes und Gesungenes auszugleichen. Funktioniert das nicht, so kann man in der frühen Kindheit diesen Prozess beeinflussen und das Treffen der Töne kann durchaus verbessert werden. Regelmäßiges Singen bietet dafür eine ausgezeichnete Grundlage. Kinder werden immer so singen, wie sie es von ihrer Umwelt wahrnehmen. Die Qualität des Gesungenen kann nur so gut sein, wie die des Gehörten. Gutes Hören ist für ein aktives Leben mit einer hohen Lebensqualität sehr wichtig. Störungen des Gehörs können hingegen krank machen. Unser Gehör ist etwas sehr Wertvolles, es darf nicht vernachlässigt oder missbraucht werden. Wird damit verantwortungsbewusst umgegangen, so kann jedes Kind ein Instrument erlernen und sich der Musik widmen. Nicht nur für das Erlernen eines Instrumentes ist ein gut ausgebildetes Gehör von größter Wichtigkeit. Es prägt auch unseren achtungsvollen und sensiblen Umgang miteinander und berührt die emotionalen Seiten, die unsere Grundüberzeugungen in sich bergen. Nicht umsonst heißt der Text eines alten Kanons: „Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder…“ Kindertagesstätte „Spatzennest“ Am Birkenwäldchen Leiterin Heike Keller • Heinrich-Heine-Straße 33D • 02826 Görlitz Renate Ulbrich • Leiterin der Kreismusikschule Dreiländereck Johannisplatz 10 • 02708 Löbau 10

Tagaus, tagein ins Ohr hinein! Der Morgen dämmert. Gerade noch im Traumland unterwegs, dringen erste Geräusche an unser Ohr: Vogelgezwitscher, auf den Straßen nimmt der Verkehr langsam zu, die Müllabfuhr hat heute Dienst im Viertel, beim Nachbar fällt die Tür ins Schloss. Dann durchbricht der Wecker den leichten Schlaf. Die Familie erwacht zum Leben. Zum morgendlichen Theater dudelt das Radio und der Fernseher überbringt die Informationen zum Tag; Absprachen zwischen den Eltern, Gespräche mit den Kindern, Gezanke um die Kleiderordnung und die Badbenutzung. Ist auch die Tasche ordentlich gepackt? Noch schnell das Gedicht zum letzten mal und bitte mit Betonung vortragen. Dann fällt die Tür ins Schloss – Stille zu Haus. Für unsere Ohren geht es munter weiter: Im Kindergarten steigt die Geräuschkulisse, Paul wehrt sich mit Gezeter am Eingang. Später, auf dem Spielplatz und in den Gruppen, Musik hier, Tollerei da. In der Schule: Die Klingel schrillt zur Pause, der Lehrer im Lautstärkenwettstreit mit dem aufbrechenden Stühlerutschen. Auf den Fluren Getümmel und Gequatsche überall, der Pausenhof ein Geräuscheschmelztiegel. Im Büro läutet das Telefon, der PC brummt, von draußen dringt Straßenverkehr und Baustellenlärm herein, Gesprächsrunden hier, Anfragen von da. Dann folgt die Mittagspause in der öffentlichen Mensa. Nach der Arbeit, eintauchen in den ungeduldigen Feierabendverkehr, das Autoradio spielt, Autohupen, Kinder abholen, das Handy klingelt, aus welcher Richtung tönt das Martinshorn? Im Supermarkt die Werbung über Lautsprecher, da ein Bildschirm mit vorteilhaften Angeboten, „Möchten Sie unseren erfrischenden Vitaminsaft probieren?“ und das Piepen der Kassen. Auf dem Spielplatz quietschvergnügtes Durcheinander. Zu Hause die Hausaufgaben, ein offenes Ohr für Probleme, zum Abschalten nebenbei eine Serie im Vorabendprogramm, dann die Nachrichten, Telefonate mit der Familie und Freunden. Von draußen dringt noch ein später Rasenmäher herein, beim Nachbar schleudert gerade die Wäsche. Gemeinsames Abendessen und heiterer Austausch über das Tagesgeschehen. Das Radio wispert im Hintergrund; auch im Bad zum Zähneputzen. Eine Gutenachtgeschichte und ein Hörspiel für die Kleinen, im Schlafzimmer der Eltern hilft der Fernseher beim Einschlafen - beschwörende Werbesendungen in regelmäßigen Abständen - schließlich schaltet sich das Fernsehgerät allein ab, Nachtruhe. Spätabendliches Vogelzwitschern, ab und zu ein vorbeifahrendes Auto. Ein Kind hat schlecht geträumt. Das Ticken des Weckers dringt plötzlich eindringlich in den Kopf, der Kühlschrank brummt. Ist draußen gerade eine Scheibe zu Bruch gegangen? R-U-H-E! Morgendämmerung… Wo finden wir Stille im lauten Alltag? (Wann) Suchen wir bewusst Ruhezeiten? Wissen wir, welche Geräuschkulisse uns täglich umgibt? Können wir noch mit Stille leben oder brauchen wir die ständige Beschallung? Welche Geräusche suche ich mir bewusst aus? Welche sind einfach da? Einfach mal in Ruhe darüber nachdenken. Anne Heinrich • PONTES-Agentur/Servicestelle Bildung des Landkreises Görlitz am IBZ St. Marienthal • St. Marienthal 10 • 02899 Ostritz • Telefon: 035823 - 7 72 85 • heinrich@ibz-marienthal.de 11

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