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Handlungskonzept zum nachhaltigen Wirtschaften im LK GR - Langf.

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Handlungskonzept zum nachhaltigen Wirtschaften im Landkreis Görlitz - Langfassung

Nachhaltiges

Nachhaltiges Wirtschaften im Landkreis Görlitz Die Altersstruktur vor Ort zeigt insgesamt eine arbeitsmarktungünstige Schieflage. Mit 49 Jahren gehört der Landkreis zu den ostdeutschen Regionen mit dem höchsten Altersschnitt. Ursächlich ist ein Wegzug vieler vor allem junger Menschen. Mit 7,3% war die Abwanderungsquote in die westdeutschen Bundesländer von 2000 bis 2012 im Landkreis 2%-Punkte höher als im sächsischen Schnitt, wodurch die Region die mit Abstand höchste Rate aller sächsischen Kreise aufwies 30 . Zwar hat sich die Abwanderung insbesondere in die westdeutschen Bundesländer abgeschwächt, gerade die ländlichen Orte des Landkreises verlieren aber weiterhin Einwohner insbesondere auch an die sächsischen Großstädte, die deutliche Wanderungsgewinne verbuchen 31 . Gleichzeitig ist auch die Rückkehrquote ehemaliger Görlitzer nach Sachsen die niedrigster aller Kreise 32 . Hauptmotiv war und ist laut Aussagen des Workshops und der Expertengespräche die unzureichende berufliche Perspektive vor Ort, wobei sich diese Wahrnehmung inzwischen zu einem allgemeinen regionalen Imageproblem verfestigt zu haben scheint. Dies trifft auch auf die überregionale Darstellung des Landkreises zu, wie die Diskussionen um den Erhalt des Siemensstandortes in Görlitz zuletzt veranschaulichten. So schrieb exemplarisch die Welt am 01.11.2018 über Görlitz von einer „armen und industriell vernachlässigten Region an der polnischen Grenze“ 33 . 3.3 Chancen: Regionale Nähe zu Wachstumsfeldern sowie Wandel von räumlichen Distanzen und gesellschaftlichen Werten Ausgehend von bestehenden Kompetenzen ergeben sich Chancen für die Region. Dies gilt vor allem durch die räumliche und technologische Nähe zu Wachstumsmärkten und Zukunftsfeldern. So stieg die kaufkraftbereinigte Wirtschaftsleistung in Polen von 2007 bis 2017 um 52% und in Tschechien um 28% an (Deutschland: 24%). Die Wirtschaftsleistung in Euro je Einwohner erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 49% (Polen) bzw. 35% (Tschechien) und damit ebenfalls deutlich stärker als in der Bundesrepublik (+28%) 34 . Entsprechend positiv ist die dortige Entwicklung der verfügbaren Einkommen, was zunehmende Chancen für regionale Dienstleistungen aber auch den Absatz von Waren aus Handwerks- und Industrieunternehmen im Landkreis Görlitz nach sich zieht. Beide Länder gehören bereits zu den zehn wichtigsten Exportmärkten Sachsens und kämen zusammengenommen mit rd. 4 Mrd. EUR Ausfuhrwert sogar auf den zweiten Platz nach China, wobei diese in den zehn Jahren zwischen 2007 und 2017 eine Steigerung der Ausfuhren von 67% (Polen) bzw. 69% (Tschechien) zu verzeichnen hatten 35 . Auch arbeitsmarktseitig bietet die räumliche Nähe Chancen, die demografischen Herausforderungen vor Ort teilweise zu kompensieren. So weist der Landkreis bereits steigende Pendlerzahlen aus Polen und Tschechien auf. Diese summierten sich 2017 auf immerhin 2.500 SV-Beschäftigte, was in etwa einem Drittel des ansonsten noch negativen Pendlersaldos entsprach 36 . Allerdings muss eingeschränkt werden, dass eine ähnliche demografische Situation sowie der inzwischen erreichte Beschäftigungsgrad in den angrenzenden osteuropäischen Ländern das Arbeitskräftepotenzial begrenzen dürfte. 30 Vgl. Ahmad & Weyh (2015), S. 21. 31 Vgl. Statistisches Landesamt Sachsen (2017). 32 Vgl. Fn. 31. 33 Vgl. WELTplus (2018). 34 Vgl. Eurostat. 35 Vgl. Statistisches Bundesamt. 36 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2018b) und Bundesagentur für Arbeit (2018c+2019b): Pendlerverflechtungen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Ländern (2017+2018). 20

Nachhaltiges Wirtschaften im Landkreis Görlitz Dank seiner reichhaltigen Historie, die sich u. a. in mehreren UNESCO-Welterbetiteln manifestiert 37 , sowie seiner abwechslungsreichen Landschaft (Lausitzer Seenplatte bis Zittauer Gebirge) hat der Landkreis Görlitz enormes touristisches Potenzial als Aktiv-, Familien- und Kultururlaubsdestination. Dies drückt sich auch in der Entwicklung der für den Tourismus maßgeblichen Gästeankünfte im Landkreis aus. Diese sind seit 2010 mit +32% überdurchschnittlich gestiegen. So erzielte Sachsen in dem Zeitraum einen Zuwachs um +25%, der aber vor allem vom zunehmenden Städtetourismus profitierte, während die sächsischen Landkreise im Durchschnitt nur ein Plus von 14% erreichten. 38 Einen weiteren Chancenkomplex stellen die technologischen Kompetenzen im Landkreis durch die langjährig gewachsenen Strukturen als Energieregion dar. Dabei müssen der regional vorliegende Sachverstand weiter ausgebaut und inner- und überregional sichtbarer gemacht werden. Weltweit ist von einem weiter steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch auszugehen, der vor allem von den Schwellenländern getragen wird und sich über alle wesentlichen Sektoren (Produktion, Gebäude und Transport sowie rasant zunehmend für Rechnerleistungen) zieht 39 . Gerade auch mit Blick auf die ehrgeizigen internationalen Klimaziele erfordert dies vor allem Investition in Erneuerbare Energiequellen sowie energie- und ressourceneffizientere Verfahren. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat den Investitionsbedarf allein für Deutschland berechnen lassen. Demnach wäre unter den gegebenen technologischen Voraussetzungen das sogenannte 80%-Ziel bis 2050 erreichbar, was Investitionen in Höhe von 2,5 Billionen EUR in dem Zeitraum erfordern würde. Der Investitionsbedarf teilt sich dabei zu je einem Drittel auf private Haushalte (v. a. Gebäude und Energietechnik in Gebäuden) und Verkehr (v. a. effizientere Motoren, Antriebswechsel und dafür benötigte Infrastrukturen). Das restliche Drittel teilt sich überwiegend auf den Energiesektor (v. a. Netzausbau und Erzeugungsanlagen) selbst sowie auf effizienzsteigernde Produktionsverfahren in der Industrie auf. 40 Allerdings ist die Energiewende gerade für den Landkreis – wie unten aufgeführt wird – auch mit großen regionalwirtschaftlichen Risiken verbunden. In diesem Themenfeld wirkt ebenso die kontinuierliche Verschärfung der nationalen und internationalen Umweltgesetzgebung, welche über das Themenfeld Energie hinausgeht, auf die Wirtschaft im Landkreis Görlitz. So besteht auf EU- und Bundesebene ein breites Paket an Initiativen zu Gesetzesänderungen in der Kreislaufwirtschaft. Bspw. sind neue EU-Regelungen zu Schnittstellen zwischen Chemikalien-, Produkt- und Abfallrecht in Planung, welche die sichere Nutzung von Sekundärrohstoffen gewährleisten sollen. Hinzu kommt u. a. eine breite Strategiereform beim Umgang mit Kunststoffen. 41 Des Weiteren wird die Ökodesignrichtlinie modernisiert, wobei sich der Fokus auf Ressourcen- und Materialeffizienz verstärkt, und ein neues Verpackungsgesetz, welches eine zentralisierte Registrierung, Prüfung und Überwachung vorsieht 42 . Ebenso findet eine kontinuierliche Erweiterung der in der REACH-Verordnung aufgenommenen Stoffe – Blei-Metalle wurden im Juni 37 Diese sind der Muskauer Park (UNESCO-Weltkulturerbe), der Muskauer Faltenbogen (UNESCO-Geopark), die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft (UNESCO-Biosphärenreservat), die gesellschaftlichen Bräuche und Feste der Lausitzer Sorben im Jahresverlauf (immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe) sowie – indirekt über die ausgewählten Sammlungen der weltweiten Sprachenvielfalt im Sprachenarchiv des Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen (Niederlande) – die niedersorbische Sprache (UNESCO-Dokumentenerbe). Vgl. UNESCO. 38 In Dresden lag die Steigerung im gleichen Zeitraum bei 30%, in Leipzig sogar bei 52%. Vgl. Statistisches Landesamt Sachsen (2012a) sowie Statistisches Landesamt Sachsen (2012b-2017c). 39 Vgl. Grömling & Haß (2009). 40 Vgl. BCG & Prognos (2018). 41 EU-Kommission (2018a). 42 Europäisches Parlament (2018). 21

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