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Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt?

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Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz

17 Die Ergebnisse

17 Die Ergebnisse basieren auf einem Regressionsmodell (hier nicht dargestellt). der Studierenden – unabhängig vom Geschlecht – die Meinung teilen, dass sie in der Region den Arbeits platz ihrer Wahl finden werden. Weiblichen Studierenden ist es darüber hinaus wichtiger, den (zukünftigen) Arbeitsplatz mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen als ihren männlichen Kommilitonen (58% vs. 47%). Neben den intendierten Bleibe- oder Wanderungsneigungen wurde ebenfalls explizit nach den Gründen des Verbleibs bzw. der Abwanderung gefragt, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. 73% der Schülerinnen und 84% der Studentinnen benennen familiäre Gründe (Familie oder Partner in der Herkunfts- bzw. der Zuwanderungsregion) für den Verbleib oder Abwanderung, aber nur 61% der Schüler bzw. 71% der männlichen Studierenden. Für 59% der Studentinnen und für 72% der (männlichen) Studenten ist ein Arbeitsplatz ein wichtiges Bleibe- oder Wanderungsmotiv. Und für immerhin 38% der Schülerinnen und 30% der Schüler fließen Freizeit- und Kulturmöglichkeiten in der Oberlausitz in den Entscheidungsprozess ein. Es gibt keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Wanderungsneigung zwischen den Männern und Frauen. Der scheinbare Widerspruch zu Wanderungsstatistiken in der Forschungsliteratur, in der vielfach von ungleichen Migrationsdynamiken berichtet wird, lässt sich jedoch leicht auflösen (vgl. Kasten 1). 3.3 Mobilität anerkennen und Bleiben organisieren: Erklärungs faktoren für Wanderung und Verbleib Im Folgenden wird entlang der zentralen Verbleibund Wanderungsfaktoren die quantitative Analyse (3.2) mit den Ergebnissen der qualitativen Untersuchungen zusammengeführt. Das Augenmerk liegt auf den Prozess- und Gestaltungsdimensionen des Bleibens: Wie organisieren qualifizierte Frauen ihre Bleibeperspektiven in der Region? Die qualitative Analyse umfasste insbesondere: • Ethnografische Feldforschung und teilnehmende Beobachtung • Expertengespräche (mit Akteuren der lokalen Verwaltung, Arbeitsmarktexpert*innen sowie Wissenschaftler*innen) • 2 Fokusgruppeninterviews: a) „Fokusgruppe Struktur“ (Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung, Presse, Bildung und Arbeitsmarkt); b) „Fokusgruppe Oberlausitz“ (junge und qualifizierte Frauen und Männer aus der Region) • 4 Problemzentrierte Interviews (mit Frauen der Region) • Diskursanalytische Erhebungen • Formen der Interaktiven Sozialforschung – Werkstattprozess (vgl. Kapitel 4) Die befragten jungen Frauen und Männer formulieren ihre Verbleibperspektiven vor dem Hintergrund jeweils spezifischer Mobilitätserfahrungen. So haben nur 16 Prozent der weiblichen Studierenden und ein Viertel der jungen Männer im Studium ihren Wohnort noch nie verlassen. Auch die präferierte Ausbildungsortswahl zeigt, dass junge Frauen auf dem Gymnasium die Region deutlich eher verlassen wollen als die jungen Männer (Tabelle 5). Zu den Faktoren, die sowohl die Präferenz für den Landkreis Görlitz als Ausbildungsort/ Erwerbsort als auch die Bleibeneigung positiv beeinflussen, zählen: 17 • der Erwerb des Abiturs in der Region • ein Berufswunsch im technischen, naturwissenschaftlichen Bereich • keine Präferenz für das Leben in einer Großstadt • die positive Einschätzung der Ausbildungssituation im Landkreis • der Zuspruch, in der Region zu bleiben • eine gute Berufsberatung • eine wöchentliche ehrenamtliche Tätigkeit und • familiäre Gründe. 3.3.1 Berufiche Zukunft Ein Berufswunsch im sozialen, gesundheitlichen oder geisteswissenschaftlichen Bereich steht im Zusammenhang mit einer höheren Abwanderungsneigung. Zwar haben Frauen mit Berufswünschen im technischen/naturwissenschaftlichen Bereich eine in etwa gleich hohe Verbleibwahrscheinlichkeit wie Männer in diesen Bereichen. In absoluten Zahlen führen die ausgeprägten geschlechtsspezifischen Berufswünsche jedoch zu einem höheren weiblichen Abwanderungsvolumen, da die jungen Frauen an den Gymnasien häufiger Berufswünsche im sozialen oder geisteswissenschaftlichen Bereich (55% bzw. 179 von 325 Frauen) und weniger im technischen/naturwissenschaftlichen Bereich (18% bzw. 59 von 325 Frauen) äußern. Bereits in anderen Studien konnte festgestellt werden, dass es in Sachsen eine überdurchschnittliche Abwanderung von jungen Frauen zum Studieren gibt, was auf das technisch geprägte Universitätswesen zurückzuführen ist (Klemm und Thomas 2010). Auch die Verteilung der Studierenden auf die Standorte Zittau (ingenieur- und naturwissenschaftliche Studiengänge) und Görlitz (sozial- und kulturwissenschaftliche Studiengänge) zeigen ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis mit einem hohen Frauenanteil von mehr als 70 Prozent in Görlitz und einem Anteil von knapp über 30 Prozent in Zittau. Wie dieses Abwanderungsmotiv zu einer andauernden Bereitschaft abzuwandern wird, zeigt die qualitative Untersuchung. Insbesondere in der Fokusgruppe mit jungen qualifizierten Menschen aus der Oberlausitz wird deutlich, dass die Abwanderungsbereitschaft von Frauen latent vorhanden ist und immer wieder explizit vorgetragen wird. Gleichzeitig beginnen sie ihre Bleibeorientierung zu thematisieren: „Ich … bei mir war das lange so, dass ich überlegt habe, nach dem Studium wegzugehen. Das ist klar, dass wenn ich fertig bin, gehe ich weg von hier. Aber ich hatte nie den konkreten Blick wohin sozusagen. Und irgendwie vor paar Monaten ging es dann schon los oder sogar schon vor einem Jahr ging es dann los bei mir, mit dem Nachdenken: Warum eigentlich weg von hier?“ (T5w) „Ich habe damals gesagt, ich geb mir ein Jahr, dann ziehe ich nach Dresden. Das ist dreieinhalb Jahre her und ich habe mittlerweile mein UNTERNEHMEN hier in Görlitz und möchte auch so schnell nicht mehr weg.“ (T2w) Insgesamt dominiert der Wunsch nach Ausbildungsmobilität, sei es, um an einer Universität zu studieren, sei es, um Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Für die Gruppe der Qualifizierten, die im Landkreis aufgewachsen sind, war die Rückkehr in die Region für ein weiterführendes Studium oder erste Berufserfahrungen noch nicht zwingend mit einer Bleibeorientierung verbunden (vgl. T5w; T2w). Allerdings verlieren die „harten Entscheidungen“ zur (erneuten) Abwanderung im Prozess des Bleibens an Bedeutung – möglicherweise, weil im Lebenslauf bereits Phasen der Mobilität vorhanden waren. Die Rückkehrer können bestehende Kontakte und Netzwerke mobilisieren und sie finden günstige Gelegenheiten und Bedingungen vor, entlang derer auch berufliche Perspektiven gestaltet werden. Um aus Perspektiven konkrete Ereignisse zu machen, betonen die Fokusgruppenmitglieder die Dynamik der sozialen Kontakte: Netzwerke und Freundeskreise sind die Basis für ehrenamtliche Aktivitäten und soziale Projekte, die teilweise auch in berufliche Tätigkeiten übergehen können. Im Kontrast dazu steht der Feldbericht über eine Gruppe von zugewanderten, nicht aus der Region stammenden Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen, die mittlerweile verstreut in der Bundesrepublik lebt und fünf Jahre nach dem Abschluss zum Alumni-Treffen in Görlitz zusammenfindet. „(…) Über die Zeit des Studiums und ihre Anschlussperspektiven berichtet die Heilpädagogin Laura: ‚Das Ankommen war ein bisschen schwierig, aber dann hatten wir eine explosive, magische Zeit in Görlitz.‘ Nach dem Studium haben sie und ihre ehemaligen Mitbewohner Görlitz wieder verlassen. Sie selbst arbeitete mit zwei Kurzzeitverträge bei einem Freien Träger in der Region. Aber wegen mangelnder Qualität der Arbeit hat sie ihren Arbeitsvertrag nicht verlängert und sich gefragt: ‚Wozu habe ich studiert? Noch dazu, wo mein Freund hier Wirtschaftspsychologie studiert hat und zwei qualifizierte Stellen würden wir niemals finden. Für Laura und ihren Partner gab es keine Alternative zum Weggehen.“ (Feldtagebucheintrag vom 19.3.2016) Nur ein Viertel der Studentinnen (und 32% der männlichen Studierenden) geben an, die Erwerbstätigkeit hier im Landkreis zu präferieren. Gleichzeitig möchten 41 Prozent (männlich: 38%) im Landkreis verbleiben. Hier wird der Widerspruch zwischen hoher Verbleiborientierung und der Skepsis, einer angemessenen Beschäftigung im Landkreis nachgehen zu können, deutlich. Im Zweifel werden die Wanderungs- und Verbleibentscheidungen nach dem Studium, so wie bei der abgewanderten ehemaligen Studentin Laura, entsprechend qualifizierter Erwerbs chancen gefällt. Kommen oder verbleiben qualifizierte Frauen nach der Ausbildung oder dem Studium im Landkreis, erfahren viele von ihnen Einschränkungen in ihrer Berufstätigkeit, die berufliche Entwicklungschancen oder die Anerkennung ihrer konkreten Erwerbstätigkeit betreffen. Über mangelnde Wertschätzung berichten Unternehmerinnen ebenso wie qualifizierte Angestellte. „Ich finde wirklich Unterschiede zwischen den Männern und den Frauen wie er, (der Chef, Einfg. JG) mit ihnen umgeht. Und ich denke mal er würde sich nie lobend äußern. Das ist richtig mittelalterlich. Einmal konnte mein Kollege eine Weiterbildung nicht antreten und hat mich gefragt, ob ich Interesse habe. Ich bin dann zu meinem Chef und hab ihn gefragt, aber der guckt mich nur erstaunt an: Was wollen Sie denn bei der Weiterbildung? Ich brauche Sie doch hier.“ (Nancy, nördlicher LK) In Hintergrundgesprächen berichten (angehende) Unternehmerinnen, dass sie als Autorität nicht anerkannt werden oder ihnen ganz und gar von der Selbstständigkeit abgeraten wird. Insbesondere, wenn sie in den Bereichen Energie, Technik und Planung tätig sind, dominieren „Absagen und Verunsicherungen“ (Lisa, westlicher LK) in ihrer beruflichen Erfahrungswelt. Im Landkreis werden Themen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark auf Frauen reduziert, die damit häufig in der Teilzeitfalle landen und ihre beruflichen Chancen kaum entwickeln können. Einige Gesprächspartnerinnen berichten, 18 19

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