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Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt?

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Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz

26 Gerlind Weber, Frauen

26 Gerlind Weber, Frauen – Hoffnungsträgerinnen für den ländlichen Raum – Wie kann uns das gelingen?, Vortrag auf der Abschlusstagung des Forschungsprojekts am 25.11.2016. 27 In einschlägigen Studien wird (1) die Bildungswanderung mit den Umzugsbewegungen der 18 bis 24-Jährigen (resp. 15 bis 24-Jährigen, vgl. empirica 2016, S. 23) erfasst und (2) die Berufswanderung auf die 25 bis 29-Jährigen (resp. 25 bis 34-Jährigen, vgl. empirica 2016, S. 24) eingegrenzt. Je nachdem, welche Quelle herangezogen wird, ist (3) die nachfolgende Wanderungsgruppe als Familienwanderung Slupina et al. 2016, S. 34 zwischen 30 und 49 Jahren sehr weit gefasst oder als Settlementwanderung auf eine 10-Jahresspanne begrenzt (35 bis 44 Jahre, vgl. ebd: 29). Hier wird deutlich, dass Lebensphasen nur unscharf voneinander getrennt werden können und eher eine grobe Altersabstufung vorgenommen wird. Ebenso abhängig ist die Einordnung von den zugrundeliegenden Statistiken. 5 Handlungsempfehlungen 5.1 Wissensbestände im Landkreis wahrnehmen Das Forschungsprojekt wurde von Anfang an als regionaler Kommunikations- und Aktivierungsprozess konzipiert und durchgeführt. Um die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verstetigen wurden Handlungsempfehlungen nicht „vom Schreibtisch aus“ formuliert, sondern basieren auf den Erfahrungen und Kompetenzen unterschiedlichster regionaler Akteurinnen und Akteure aus Politik und Verwaltung, aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Planung, Bildung und Beratung und nicht zuletzt den Betroffenen selbst – als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt. Im Prozess der Werkstätten (s. o.) wurden regionale Akteurinnen und Akteure miteinander ins Gespräch gebracht und Empfehlungen zu den Schwerpunktthemen erarbeitet, die hier nicht wiederholt werden müssen (vgl. 4.2). Die intensive Auseinandersetzung war außerdem eine hilfreiche Quelle, in der Forschungsperspektive die spezifische „Gangart“ der Problembearbeitung im Landkreis zu rekonstruieren. Hier offenbaren sich Blindstellen und Ausschlussdynamiken. Diese zu reflektieren, schafft Aufmerksamkeit für zukünftige Gestaltungsprozesse. 5.2 Wanderungswünsche in Lebensphasen beeinfussen Auf das Wanderungsverhalten ist, wie mehrfach betont, schwer Einfluss zu nehmen, insbesondere, weil • Prozesse der Individualisierung und Dynamisierung der Lebensphasen die Ansprüche der Menschen stark ausdifferenziert haben, • durch eine zunehmende Dominanz privater Motive die Passung zwischen Nachfrage und Angebot ungleich schwieriger geworden ist, • die „Sogwirkung der Zentren die Bindewirkung der Landgemeinden schwächt“ 26 , • sich die bisherigen Maßnahmen vor allem an den Standorttreuesten, d. h. Müttern mit kleinen Kindern, orientieren, • es durchaus Fehleinschätzungen hinsichtlich der Wirkung ergriffener Maßnahmen und der Bedürfnisse junger Frauen gibt – nicht alle wollen z. B. „in die Pflege“. Klassische Abwanderungsgründe sind Bildungsund Berufschancen, ÖPNV sowie Freizeit- und Kulturangebote in der Region. Aber das ist nur eine Facette der Abwanderungsorientierungen. Die zunehmende Sogwirkung der Großstädte (Slupina et al. 2016; empirica 2016) ist auch auf das städtische Flair, moderne Lebensstile und vor allem auf die Anwesenheit vieler junger Menschen und damit die Möglichkeit dichter Sozial beziehungen mit den eigenen Peers zurückzuführen. Gleichzeitig ist nicht Abwanderung, sondern die ausbleibende Zuwanderung das drängendste Problem ländlicher Räume (Beetz 2013). Für den Landkreis Görlitz ist die besondere Bedeutung der Rückwanderung hervorzuheben (Beutler 2016). In dieser Studie wurde aber auch deutlich, dass das Zuwanderungspotenzial durch den Hochschulstandort weiter ausgenutzt werden muss. Nicht zuletzt weil der Zufluss junger Leute aus dem Umland weiter sinken wird (vgl. ebd.; empirica 2016, S. 18 ff.). Für alle Befragten erhöht sich die Abwanderungsbereitschaft und die Präferenz für andere Regionen als Ausbildung-/Erwerbsort, wenn es bessere Ausbildungs- und Erwerbsoptionen in anderen Regionen gibt. Folgend werden Wanderungs- und Bleibeperspektiven nach den drei untersuchten Altersgruppen differenziert und erste Handlungsempfehlungen formuliert. 27 5.2.1 „Phase der entschlossenen Wanderung“ (16- bis 20-Jährige) Die hohe Abwanderungsorientierung und Abwanderungsquote unter den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ist auf ihre Bildungsorientierung zurückzuführen. Sie wandern in Regionen ab, die eine breite Palette von Bildungsträgern, Studien- und Ausbildungsrichtungen bis zum Universitätsabschluss bieten. Die andernorts erworbenen beruflichen Abschlüsse können später aber durchaus relevant für die Deckung des Fachkräftemangels im Landkreis sein (z. B. Ingenieure, Lehrer, Ärzte). Entscheidend ist, ob Fachkräfte mit diesen Qualifikationen in den Landkreis zu- und zurückwandern werden und hier adäquate berufliche Chancen vorfinden. Nur ein Fünftel der befragten Schülerinnen und Schüler möchte für die weitere Ausbildung im Landkreis verbleiben. In dieser Gruppe ist die persönliche Entwicklung zentrales Wanderungsmotiv. Die Suche nach Bildungschancen ist begleitet vom Wunsch, persönliche Erfahrungen außerhalb des Gewohnten zu machen, u. a. in einer Großstadt zu wohnen und zu leben. Ihre Offenheit für Neues ist eine Ressource und die hohe Zustimmung zur Region zeigt, dass es sich nicht so sehr um eine Flucht aus der Oberlausitz handelt. Allerdings bewerten die Schülerinnen und Schüler nur zu einem guten Viertel die Region als tolerant und offen. Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler sieht in dieser Lebensphase im Landkreis keine Zukunft für junge Menschen; fast einstimmig fehlen ihnen außerdem Angebote für junge Leute. Hier schlägt auch die Wahrnehmung fehlender Gleichaltriger in der Region durch. Ihren Wünschen folgend ziehen die Jungen los und eignen sich neue Lebens- und Erfahrungswelten an. Mit ihrer hohen Verbleib- und Rückkehrorientierung stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie gut ausgebildet und reich an Erfahrungen in die Region zurückkehren wollen. Handlungsempfehlungen + + Mobilitätsorientierungen und die relativ geringen Einfussmöglichkeiten lokaler und regionaler Akteure auf die Abwanderungsorientierung akzeptieren; + + Mobilität innerhalb des Landkreises und zu umliegenden Großstädten verbessern, insbesondere zu den sächsischen Universitätsstädten; + + Unterstützung für diejenigen anbieten, die bleiben oder zurückkehren möchten (z. B. Insider Programm); + + Angebote für Jugendliche (Freizeit, Kultur usw.) und deren Partizipation fördern. 5.2.2 „Phase der lokalen Unentschiedenheit“ (24- bis 29-Jährige) Die Mehrzahl der Studierenden ist für das Stu dium an der HSZG in den Landkreis eingependelt. Auch diejenigen, die aus der Region kommen, haben zum Großteil bereits Mobilitätsphasen hinter sich. Ihre persönliche und berufliche Entwicklung hat sowohl im Landkreis als auch andernorts stattgefunden. Die primäre Orientierung richtet sich zunächst auf den erfolgreichen Hochschulabschluss. Auch hier ist die Verbleibneigung bei den heimischen Frauen und Männer deutlich höher als bei den Zugewanderten. In absoluten Zahlen fällt der Unterschied jedoch kaum ins Gewicht. Als relevante Faktoren spielen Partnerschaft und berufliche Anschlüsse eine zentrale Rolle. In dieser Lebensphase geht es weniger um eine Auseinandersetzung mit der Region und ihren Chancen, sondern mehr um die Frage, welche Faktoren in den Vordergrund gestellt werden (Partnersuche/Familie, berufliche Chancen oder kulturelle Angebote). Für die Gruppe, die aus der Region kommt, wird diese Frage vor dem Hintergrund regionaler oder lokaler Zugehörigkeit und Identifikation („Heimatkit“) formuliert und beantwortet; eine grundsätzliche Verbleiborientierung dominiert. Nach unserer Untersuchung kann vermutet werden, dass vor allem diejenigen bleiben, die in der Region Werte von Gemeinschaft und sozialer Nähe zu Gleichgesinnten sowohl im Freundes- und Familienkreis wie über zivilgesellschaftliches Engagement ausleben können. Die beruflichen Entwicklungschancen sowie gesicherte und angemessene Einkommensperspektiven werden demgegenüber in die zweite Reihe geschoben – freilich ohne sie (gänzlich) aufzugeben. Gleichzeitig experimentieren Angehörige dieser Gruppe bereits mit alternativen Gelegenheitsstrukturen und entwickeln u. a. in Form von unternehmerischen Tätigkeiten ihre beruflichen Perspektiven innerhalb lokaler Netzwerke. Im Regelfall handelt es sich aber nicht um einen einzelnen Faktor, der als die Ursache für ein Bleiben markiert werden kann, sondern um eine Melange von Bestimmungsgründen, die sich zudem prozessual organisiert und deren Ausgang mithin verlaufsabhängig ist. Im Unterschied zum hintergrundstabilisierten Bleiben sind Ab- oder Einwandern mit konkreten Anlässen verbunden: beruflicher, sinnsuchender, partnerschaftlicher oder familiärer Art. So wie die Studierenden mit der Studienbescheinigung in die Region kommen, wandern Rückkehrende zumeist aus familiären Gründen wieder ein. Wenn das private Glück in der Region funktioniert, werden mangelnde beruflichen Chancen oft weniger kritisch gesehen und die Vorteile der Lage als Grenzregion, die attraktive Landschaft oder die Kleinteiligkeit betont. Durch ihre Vielfalt kann die Oberlausitz nun als „perfekter Lebensort“ erfahren werden. Fehlen partnerschaftliche und andere Nahbeziehungen für die Rahmung der persönlichen Entwicklungsfragen, werden junge Frauen und Männer in vielen Fällen dem Wunsch nach mehr Auswahl potenzieller Partnerschaften, verbesserten Chancen und Inspiration durch Urbanität folgen und wegziehen. Handlungsempfehlungen + + Vorhandene regionale Vielfalt stärker kommunizieren, organisieren und durch Aktive repräsentieren; + + Studium und Beschäftigung an der Hochschule als Zuzugsfaktor (insbesondere für Frauen) stärken; + + die soziale und kulturelle Integration von Zugewanderten und Einheimischen fördern und der Wahrnehmung von geschlossenen Beziehungsnetzwerken und „Klüngel“ in der Region (in den einzelnen Gemeinden) begegnen; + + Praktikumsangebote für Studierende und den studentischen Arbeitsmarkt (geringfügige oder Teilzeit-Beschäftigung) ausbauen, z. B. in der Verwaltung, öffentlichen Organisa tionen (sozialer Sektor, Bildungsträger usw.), aber auch in der Wirtschaft, um potenzielle Fachkräfte frühzeitig mit den regionalen Anbietern 30 31

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